Zum Namen der Neubukower Kirche
Am Kirchturm finden sich jeweils zwei identische glasierte Relieftafeln mit Darstellungen der Mutter Jesu, Maria, und des Heiligen Niklaus; sie stammen aus einer Ziegelbrennerei in Wismar - die beiden großen Wismarer Kirchen sind mit weit mehr dieser Tafeln geschmückt. Es steht zu vermuten, dass die Neubukower Kirche auch diesen beiden Personen geweiht worden ist, zumal Nikolaus der Schutzpatron der Seefahrer ist und diese Kirche früher einmal von See zu sehen und Seezeichen gewesen sein soll.
Allerdings gibt es durch den Pfarrhausbrand 1729
keinerlei Akten über eine solche Widmung oder gar
Namensnennung. Dagegen schreibt der Neubukower Pastor
August Müller (1853 bis 1898 in Neubukow)
in seinem "Observanzbuch der Pfarre Neubuckow:
"Nach einer Angabe des Präpositus Mussaeus* in dem
ältesten noch vorhandenen Kirchenbuche (auf dem
Titelblatte) ** führt diese Kirche den Namen
Petri-Pauli-Kirche,
würde also zu Ehren der Apostelfürsten Petrus und Paulus erbaut seyn. Gegen die Glaubwürdigkeit dieser Angabe wird nichts vorzubringen seyn." Sicher aus genau diesem Grunde lässt Müller auch das neue Altarbild 1864 mit einer von Petrus und Paulus flankierten Kreuzigung gestalten.
Historiker bezweifeln - aus welchen Gründen auch immer - eine solche Namensgebung der Kirche. Immerhin aber ist der Name " Petri Pauli Kirchen " seit 1736 bezeugt - sieben Jahre nach dem Pfarrhausbrand dürfte Pastor Mussaeus noch so nah an den Zeitzeugen gewesen sein, dass ihm dieser Name der Kirche authentisch auch aus der früheren Zeit überliefert worden ist.
* Johannes Christophorus Mussaeus, von 1735/36
bis zu seinem Tod 1778 Pastor in Neubukow
** dieses Kirchenbuch liegt im Schweriner Landeskirchenarchiv:
"begonnen von Pastor Mussaeus 1736 bis 1786, für Taufen, Trauungen
und Begräbnisse. Auf der ersten Seite beschreibt er, dass er
vom Großherzog nach Neubukow berufen wurde und dass durch
den Brand von 1729 das alte Kirchenbuch vernichtet wurde;
die erste Seite ist stark beschädigt, aber man kann noch lesen:
"Kirchen - Buch (und Register) von der Neuen Buckauischen
Petri Pauli Kirchen "
Das rätselhafte Verschwinden der Neubukower Taufsteine
(Jörg Utpatel, 2009/2011)
In der Neubukower Kirche steht ein großer, etwa 700 Jahre alter Taufstein. Pastor Gloede hatte ihn einst im Alt Kariner Gutspark entdeckt - dort war er zu einer Blumenschale umfunktioniert worden. Vermutlich hatte man ihn im 19. Jahrhundert als unmodern entsorgt und durch einen neuen ersetzt. 1950 holte man den Taufstein aus Alt Karin in die Neubukower Kirche. Das zu dieser Zeit dort vorhandene, beschädigte Exemplar aus billigem hellem Sandstein wurde entsorgt - es hatte nur ein kurzes Leben, denn mindestens bis in die 30er Jahre hinein befand sich eine andere "Taufe" in der Kirche. In Sebastian Heißels Neubukow-Chronik findet sich unten abgebildetes Foto davon (im "Schlie", S. 485, ist die Taufe auch zu sehen).
Wir lesen über diese "Taufe" in der Chronik der Kirchgemeinde Neubukow
aus der Feder von Pastor August Müller (Observanzbuch, S. 266):
"Im Jahre 1859 wurde ein neuer Tauf-Apparat angeschafft: Ein
gußeiserner reichbroncirter Taufstein mit Deckel wurde unter dem
Arcus triumphalis (Triumphbogen) auf einen behauenen Felsstein
gestellt und in demselben befestigt."
Die hierfür ebenfalls 1859 angeschaffte Messing-Taufschale ist heute
noch in Benutzung für unsere Taufen. Jedoch - vom "Tauf-Apparat"
selbst ist nur noch der Felssockel vorhanden - er liegt
für alle sichtbar neben dem Kirchturm und zählt die Jahre.
Über den Verbleib des gusseisernen Aufsatzes aber ist heute nichts
Genaues mehr bekannt, nirgends ist dieser Verlust in den Akten vermerkt.
Möglicherweise ist er in der Biendorfer Kirche gelandet,
denn dort steht in der Eingangshalle ein genau solches gußeisernes
Exemplar ohne Sockel (in der älteren Literatur werden
diese Art von Taufsteinen nicht erwähnt; vermutliche weil es sich
dabei um eine Art Massenprodukt aus dem 19. Jahrhundert handelt).
Nun erzählt uns der Chronist, August Müller, jedoch eine noch weitaus
spannendere Geschichte. Als er 1853 sein Amt als Pastor in Neubukow
übernahm, konnte er unter der Rubrik "Taufstein" (S. 266) nur
feststellen: "Thatsächlich war hier kein solcher vorhanden."
Dies ist erklärlich durch die vor allem im 18./19.
Jahrhundert übliche Form der Haustaufe - man brauchte
schlichtweg keinen Taufstein in der Kirche!
Aber, so Müller weiter: "Nach einer mündlichen Tradition,
die mir der verstorbene Senator Sengbusch (1781-1857) erzählte,
ist früher ein Taufstein vorhanden gewesen: ein Felsblock
mit eingehauener Schale ... (Sengbusch) wußte nur,
daß er lange auf dem Kirchhofe gelegen haben solle.
Von dort habe ihn der damalige Kirchen-Provisor Rathsack weggenommen und
zum Kellerfundamente seines neu erbaueten Hauses an der südöstlichen
Ecke des Marktplatzes verwendet, wo er jetzt noch liege."
Pastor Müller macht nun noch eine genaue Ortsangabe über
das Haus, in dem er eingemauert sein soll: "Es ist das
früher Senator Sengbuschsche, jetzt Negnalsche Haus gemeint."
Familie Negnal hat das Haus nach Angaben der heutigen Erben
etwa 1850 von dem Senator (+ 1857) übernommen - und es ist
heute noch, in fünfter Generation im Besitz der Familie!
Und tatsächlich - hier befindet sich der verschwundene Stein heute
immer noch! Mit freundlicher Genehmigung der Familie Negnal können
wir hier das Fundstück aus alter Zeit dokumentieren: Der alte
Taufstein ist tatsächlich vor etwa 200 Jahren im Kellerfundament
ihres Hauses eingemauert worden und heute noch dort erhalten!
Dieser Taufstein ist demnach etwa bis Anfang des 19. Jahrhunderts
in Neubukow in Gebrauch gewesen und vielleicht im Zuge der
Kirchenrenovierung 1817 entfernt worden. Von dieser Renovierung
wissen wir nur durch eine wiederentdeckte Inschrift über dem
Chorraum der Kirche.
Müller schreibt außerdem in der Chronik, dass er sich durch die
Notiz in einem alten Visitations-Protokoll bestätigt fühle, in
der unter der Rubrik "Inventarium" die Rede ist von einer "Taufe
von Ertz mit einem hölzernen Deckel, und ein hölzern Gitter umher."
- Nun ist allerdings der alte Taufstein im Markthaus nicht
"von Erzt" ... er hatte vielleicht aber einen solchen Einsatz ...
Bleibt eine für Neubukower spannende Frage - ist dieser im Kellerfundament
aufgefundene Taufstein möglicherweise derjenige, aus dem Heinrich
Schliemann 1822 getauft worden ist? Dies ist schon allein deswegen
unwahrscheinlich, weil zu dieser Zeit (wie oben erwähnt)
vor allem Haustaufen üblich waren, zumal im tiefsten Winter.
Zum anderen lag diese Fünte im Geburtsjahr des Trojaentdeckers
vermutlich schon im Staub des Kirchenplatzes und harrte seines
Schicksals als Teil eines Kellerfundaments - doch vielleicht ...
Fotos:
1. Chorraum der Neubukower Kirche mit eisernem Tauffünte (Mitte 19. Jhd.),
Aufnahme ca. 1930; Quelle: Heißel, Neubukow
2. Taufsteinsockel am Neubukower Kirchturm;
Foto: J. Utpatel 2009
3. Tauffünte im Kellerfundament des "Negnalschen Hauses", Neubukow, Am Markt 9;
Foto: J. Utpatel 2009
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